Gastbeitrag
Vertikalangeln in Südholland
Ende März waren wir mit Helmut Schoddel zum Vertikalangeln in Südholland unterwegs. Die Tour war die letzte der Raubfischsaison 2011/2012, denn ab dem 01. April begann die Schonzeit, die bis Ende Mai dauert.
Um es vorwegzunehmen: es war für mich eine der besten Touren, die ich mit Helmut gemacht habe.
Damit nicht der Eindruck von Lobhudelei entsteht, sei erwähnt, dass ich auch Touren mit sehr magerer Ausbeute erlebt habe oder wir bei entsetzlich schlechtem Wetter vorzeitig die Heimreise antreten mussten – so ist es halt beim Angeln. Dennoch waren alle Touren ein Erlebnis und Urlaub zugleich für mich.
Also, mein Osterurlaub 2012 begann bereits mit der Fahrt zu Helmut nach Strempt in der Eifel. Nachdem das Angelboot angehängt war, machten wir uns auf den Weg in Richtung der großen Wasserflächen vor Rotterdam, zu den besten Zanderrevieren in Europa, wie es in Anglerfachkreisen heißt.
Unterwegs legten wir noch einen Zwischenstopp bei einem Bootshändler ein, um Helmuts möglicherweise neues Boot in Augenschein zu nehmen.
Am späten Nachmittag erreichten wir unser Ziel, einen kleinen überschaubaren Ort mit ebenso kleinen Hafen. Quartier machten wir in einem gemütlichen und komfortablen Ferienhaus. Kurz nach unserer Ankunft trafen die beiden anderen Tourteilnehmer Christopher und Jörg ein, bei denen es sich, wie sich beim abendlichen Fachgespräch schnell herausstellte, um erfahrene leidenschaftliche Angler aber um Vertikalneulinge handelte. Beide hatten natürlich reichlich Ausrüstung mitgebracht, zeigten jedoch schnell Einsicht, sich auf die von Helmut gestellte „Hardware“ zu verlassen und nur die eigen Gummishads mit an Bord zu nehmen.
Nach dem deprimierenden 2:4 von Schalke gegen Bilbao ging’s ins Bett und nachdem jede Menge 70iger Zander im Traum gehakt waren, rappelte um 05.15 Uhr der Wecker.
Mit der Vorfreude auf einen besonderen Angeltag braucht es keinen Kaffee, um den Schlaf aus den Gliedern zu schütteln. Das spannendste am Morgen ist zunächst das Wetter. Regen: egal und in jedem Fall besser als Sonnenschein pur. Unter Null: den Zandern egal, aber jedes Mal ein Härtetest. Wind: davon hängt alles ab. Bei Stärke 4-5 ist Vertikalangeln fast nicht möglich.
Am 1.Angeltag war wenig Wind, der Himmel bewölkt und im Vergleich zu manch anderen Angeltagen in Nordholland 8,5 Grad heiß. Das waren perfekte Bedingungen, zu dem erfahrungsgemäß kurz vor der Schonzeit mit großen Zandern zu rechnen ist.
An dieser Stelle ein Hinweis zur Bekleidung. Vertikal wird in den kalten Monaten Oktober bis März gefischt. Wind weht immer in Nordholland und mit Regen ist stets zu rechnen. Kurz um, Floater-Anzug, Thermoschuhe und Pudelmütze sind Pflicht, sonst können 7 Stunden Bootsangeln zur Qual werden.
Aber weiter im Text.
05.15 Uhr wecken, 06.15 Uhr Abfahrt zur Slipstelle, 07.00 Uhr Start zum ersten Spot und um 07.20 Uhr war der erste Zander vom Meister persönlich gehakt. Von uns Bootsgenossen kam sofort und gleichzeitig die  Frage an Helmut: „Welche Farbe?“ „Rosa“, war die Antwort und ein vielversprechender Angeltag begann.
Zugegeben, bis zum Landen meines ersten Zanders bin ich richtig angespannt. Die Anspannung wurde dieses Mal noch verstärkt, da ich mit meiner gekürzten Goodfather Parabolic angetreten war und keine Ahnung hatte, was mich damit erwartete. Das Warten hatte jedoch schnell ein Ende, da dem ersten Biss ein satter Anschlaglag folgte und sich die kürzere Rute im Drill gut bewährte.
Als Meister seines Fachs entpuppte sich am 1. Tag sogleich Christopher, der in aller Unaufgeregtheit 3 Zander am Stück vorlegte und Helmut den Tagessieg nicht leicht machte. Jörg sollte am 2. Tag zur großen Form auflaufen.
Gegen 10.00 Uhr wechselte ich die Shadfarbe von rosa auf weiß mit rotem Schwanz und lag damit goldrichtig. Kaum war der Köder in Grundnähe wurde er hart attackiert. Nach dem Anhieb war Eile geboten die Bremse zu lösen, denn die Gegenwehr des Zanders ließ nur den Schluss zu, dass es sich um einen großen handeln musste. Nach drei heftigen Fluchten bestätigte sich diese Annahme, und es konnte der erste 70iger der Tour gelandet werden.
Dann war es erst mal mit der  Beißlaune der Fische vorbei. Nach ungefähr einer Stunde und zwei Stellenwechseln, hieß es wieder „Fisch!“, der ab diesem Zeitpunkt bis zum späten Nachmittag in kurzen Abständen an den Haken ging. Insgesamt kamen wir am ersten Tag auf 33 Fische, darunter 4 Barsche bis 48 cm, die imposante Ausmaße hatten.  Bemerkenswert ist auch die schwarze Färbung der großen männlichen Zander vor der Laichzeit.
Der mehr als erfolgreiche Angeltag fand seinen Ausklang im örtlichen Pommesrestaurant. Da nichts so müde macht wie 10 Stunden Bootsangeln, fiel zumindest ich um 22.00 Uhr ins Bett und schlief bis zur gewohnten Weckzeit um 05.15 Uhr wie ein Stein.
Es folgte die bekannte Prozedur:  kurzes Frühstück, packen, Boot anhängen und Fahrt zur Slipstelle.
Beunruhigend war der starke Wind am Hafen, der dann aber wie bestellt zum Angelstart abflaute. Für die ersten Fänge des Tages war diesmal Jörg zuständig. Nach ungefähr 5 Zandern lief es jedoch etwas schleppend und wir befürchteten, dass sich das kältere Wetter nachteilhaft auf die Beißlaune ausgewirkt hatte. Zu dem hatten sich am letzten Tag vor der Schonzeit circa 20 Boote im näheren Umkreis zu uns gesellt. Unsere Befürchtungen bestätigten sich aber nicht,  denn der „Fish-Arrow „ brachte die Wende. Natürliche Köderfarbe war an diesem Tag das richtige Mittel. Uns alle hatte der Ehrgeiz gepackt, nach 33 Fischen am Tag zuvor, insgesamt die 50iger Marke zu knacken. Dies sollte uns mehr als gelingen. Jeder fing seinen Fisch und so kamen wir am 2. Tag auf 3o Zander und einen Barsch. Ein wirklich sehr gutes Ergebnis.
Beglückt von einem tollen Fang und Sonnenschein auf dem Rücken, beobachtete ich am späten Nachmittag den Raubfischpapst Uli Beyer, der vom Driftsack gebremsten Buster-Boot ohne Mütze aufrecht stehend im Wind unermüdlich mit dem Jiggen zugange war. Von der Sonne beschienen und vom Schaukeln des Bootes begünstigt, nickte ich darauf hin wunderbar ein. Dies sollte Folgen haben. Ein plötzlicher Ruck in der Rute ließ mich hochfahren und automatisch den Anhieb setzten. Was folgte war die Erkenntnis, dass ich Opfer des abgedroschendsten Scherzes mit eingebauter Lachgarantie geworden war. Helmut hatte mal eben kurz an der Schnur gezupft und damit recht ruppig mein Nickerchen beendet.
Das war es dann auch mit der Raubfischsaison 2011/2012. Bei auffrischendem Wind und hohen Wellen fuhren wir zum Hafen zurück, wo sich bereits zahlreiche Vertikalkollegen an der Slipstelle versammelt hatten. Der übliche Plausch ergab, dass wir mit Abstand den besten Fang gemacht  und an diesem Tag sogar einige NKS-Teams (NKS=holländische Zandermeisterschaft) um viele Fische überboten hatten.
Was ein Saisonabschluss, der helfen wird, die Schonzeit bis Anfang Juni zu überstehen.
Gruß  Wolfgang